
Es ist eine interessante Frage, ob Sarah Palin als role model für die Frauenfrage taugt. Newsweek findet nach dem neuesten Titelbild zu urteilen eindeutig: nein! Damit hat das Magazin vermutlich Recht, denn Palin tut viel für die eigene Sache, aber wenig für die der Frauen. Wenn das schon “going rogue” ist, dann war die Frauenbewegung immer eine Tsunami gesellschaftlicher Unangepasstheit. Dennoch: Was geschehen ist, hat Frauen gestärkt, aber es reicht nicht. Wir müssen noch mehr tun für eine echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Und die Frauen müssen wieder mutiger sein, ihre Interessen klar und unzweideutig zu vertreten.
Rede zum Jahrestreffen der ARD-/ZDF-/ORF-Medienfrauen, November 2009, Baden-Baden
Es war irgendwann im Frühsommer 2002, dass ich das Vergnügen hatte, bei einem Mittagessen in Düsseldorf neben dem damaligen schwedischen Botschafter in Deutschland, Carl Tham, platziert zu werden. Wir haben uns gut über Gott und die Welt unterhalten – und schliesslich auch über die Frauen. Carl Tham lehnte sich nämlich plötzlich zu mir und sagte: “Sie haben doch da diese Talk-Show am Sonntagabend. So etwas wäre bei uns unvorstellbar.”
“Wieso unvorstellbar?” fragte ich irritiert nach, hatte ich doch im ersten Anlauf verstanden, das Talk-Show-Format an sich sei in Schweden unvorstellbar. “Die Männerriege, die dort jeden Sonntag Platz nimmt und eine einzige Frau, die Moderatorin, umrundet, das wäre in Schweden heute unvorstellbar. Die Menschen würden lauthals protestieren.”
Ich fand diesen Einwurf bemerkenswert. Zum einen, weil der Botschafter natürlich auf das noch immer währende Defizit von Frauenvorbildern in Medien und Gesellschaft anspielte. Zum anderen, weil es offenbar Gesellschaften gibt, die diese Tatsache nicht einfach als gottgegeben hinnehmen, sondern dagegen aufbegehren. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass wir bei der Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen und Männern mit Blick auf die skandinavischen Länder ein etwas anderes Bild erhalten, als es sich noch heute im Jahr 2009 in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern offenbart.
Nun leben wir nicht mehr im Jahr 2002 sondern im Jahr 2009, und inzwischen hat sich durchaus Einiges getan. Wenn ich heute die Sonntagabend-Talk Show von Anne Will anschaue, dann sehe ich ziemlich regelmässig Frauen als Gäste dort sitzen. Aber ich weiss auch, wie schwierig es immer wieder ist, Frauen für dieses Format zu gewinnen. Zum einen, weil sie tatsächlich noch immer in der Gesellschaft unterrepräsentiert sind und man deshalb bei vielen thematischen Schwerpunkten nicht naheliegend auf eine Frau als Repräsentantin eines gewissen Standpunkts kommt. Zum anderen, weil natürlich immer noch in vielen Köpfen von Journalisten und sogar Journalistinnen der Suchmodus “Frau” immer noch nicht richtig verankert ist. Und dann gibt es einen dritten Grund: Tatsächlich sind viele Frauen noch immer zögerlich, sich der öffentlichen Diskussion auszusetzen, sich zu präsentieren in einem medialen Umfeld, in dem ihnen die Aufmerksamkeit und damit womöglich auch die kritische Auseinandersetzung sicher ist.
Eine Talk-Show, wie das Format am Sonntagabend, sei es bei Sabine Christiansen, sei es bei Anne Will, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Gelegentlich ist sie auch ein Zerrspiegel der Gesellschaft. Nicht alles, was wir dort sehen, können wir 1:1 als Realität interpretieren. Aber vieles gibt uns doch einen Hinweis darauf, wie es um die soziale Ordnung unserer Gesellschaft, und dazu gehört wesentlich die “Geschlechterfrage”, heute bestellt ist. Und dort zeigen sich auch immer wieder die Defizite, die in der Gleichberechtigung der Geschlechter noch immer auszumachen sind. Drei Aspekte sind aus meiner Betrachtung dabei besonders auffällig:
1. Es gibt noch immer zu wenig Frauen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine Führungsrolle übernehmen;
2. Es gibt zwar viele Frauen in den Medien, aber viele von ihnen übernehmen noch immer ganz bestimmte, nämlich Repräsentationsrollen;
3. Es ist schwer, Frauen zu finden und sie zur aktiveren gesellschaftlichen Teilnahme zu ermutigen, weil viele sich weniger zutrauen als Männer und weniger machtbewusst ihren Weg gehen.
1. Frauen und Führungsrollen
Wir haben eine Bundeskanzlerin. Das hat in Deutschland viel verändert, wenngleich es lange gedauert hat, bis diese Veränderungen in den Köpfen der Menschen angekommen sind. Welche Wirkung das hatte, zeigt sich zum Beispiel an der Wahl von Christine Lieberknecht zur Ministerpräsidentin Thüringens. Die Wahl hat in Hinblick auf den Frauenfaktor kaum noch Aufsehen erregt. Eine Frau in einer politischen Spitzenposition ist also ein Stück Normalität geworden.
Ich erinnere mich aber sehr gut, wie lange Angela Merkel gebraucht hat, bis sie ihre Form der politischen Machtrepräsentation gefunden hat, ihre Haltungsfrage, im physischen ebenso wie im übergeordneten Sinne, beantwortet hatte. Das liegt einfach daran, dass unsere Repräsentationsrituale vordringlich männlich besetzt sind und Frauen es daher schwer haben, für sich neue und adäquate Repräsentationsmodi zu entwickeln.
Eine Frau als Bundeskanzlerin kann sich nicht das Jackett vom Leib reissen und mit verschwitztem Hemd oder mit verschwitzter Bluse am Pult stehen, die Arme zum Himmel erhoben und gegen den politischen Gegner wetternd. Es würde als unweiblich, unhöflich und in der Form unangemessen empfunden. Inzwischen hat Angela Merkel diese Herausforderung für sich in ihrer ganz individuellen Art und Weise gelöst, und sie hat damit einige sehr entspannende und doch gleichzeitig durchaus machtbewusste Akzente in der öffentlichen und medialen Repräsentation von Frauen gesetzt. Wenn wir sonst in der Politik uns umschauen, dann ist das neue Bundeskabinett wahrlich kein Ausdruck der Frauenbewegung, die in den Spitzen der Politik angekommen wäre. Gut ein Viertel der Kabinettsposten werden von Frauen besetzt. Ein Viertel der Repräsentation einer Gesellschaft, die zur Hälfte weiblich ist.
In den Parlamenten sieht es nicht sehr viel besser aus. Zwar ist der Anteil der weiblichen Abgeordneten im Deutschen Bundestag seit Einführung der Quotenregelung sichtbar gestiegen. Immerhin, gut 32 Prozent der Parlamentssitze gehören Frauen (das ist ein unfassbarer Anstieg des Frauenanteils um ein Prozent!). Im Europäischen Parlament sieht es noch etwas besser aus, dort sind derzeit 36 Prozent der Abgeordneten Frauen. Etwa ein Drittel der Mandate als Volksvertreter haben also Frauen. Ein Drittel der Mandate für eine Gesellschaft, die zur Hälfte aus Frauen besteht.
Wenn wir uns in der Wirtschaft umschauen, wird es deutlich düsterer. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat kürzlich festgestellt, dass Frauen in den 200 grössten deutschen Unternehmen gerade einmal 2,5 Prozent der Vorstandsposten innehaben. In der Schweiz sieht es übrigens ähnlich aus: Gerade einmal drei Frauen sitzen auf dem Stuhl eines CEO, das sind bei den 100 grössten Firmen in der Schweiz fünf Prozent. Nur 4 von 10 Firmengründern sind Frauen, das vermeldet die KFW-Bankengruppe. Bei uns sitzt genau eine Frau im Vorstand eines DAX-Unternehmens, nämlich Barbara Kux bei Siemens. Und in den deutschen Aufsichtsräten waren 2008 auf Seiten der Kapitalgeber von 2811 Personen 113 Frauen – das sind vier Prozent). Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Karrieren wie die von Barbara Kux bei Siemens oder von Simone Bagel-Trah, neue Aufsichtsratsvorsitzende bei Henkel eine enorme mediale Aufmerksamkeit erzielen. Die Ausnahme ist die Berichterstattung wert, das wissen wir aus der Nachrichtenfaktoren-Forschung. Und diese Gesetzmässigkeit funktioniert bei Genderfragen aufgrund der weiterbestehenden Ungleichverhältnisse hervorragend.
Ist das also die Regel, weil es anders nicht geht? Nein, so einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Wenn wir beispielsweise beim Thema Aufsichtsrat uns die Arbeitnehmerseite anschauen, dann stellen wir fest, dass der Frauenanteil hier zumindest bei 20 Prozent liegt. Das ist immerhin vier Mal so viel wie auf Arbeitgeberseite. Wenn wir einen Blick in die nordischen Länger, von denen eben schon die Rede war, werfen, dann ergibt sich folgendes Bild: der Frauenanteil in Geschäftsleitungen in europäischen Topfirmen beträgt in Finnland 19 Prozent, in Litauen 21 Prozent, in Schweden 24 Prozent und in Norwegen 32 Prozent.
Gehen wir einmal davon aus, dass weder auf Arbeitnehmerseite in den Aufsichtsräten noch im nordischen Europa die Frauen grundsätzlich klüger, selbstbewusster oder in grösserer Zahl vorhanden sind, dann sind diese Zahlen schon erstaunlich. Dann muss es einen anderen Grund für diese Diskrepanz geben. Meine These lautet: In den klassischen Wirtschafts- und Politikzirkeln der deutschen Gesellschaft herrscht noch immer ein defizitärer Diskurs, der nach den Regeln des meist männlich geprägten Establishments verläuft, die damit verbundenen Machtstrukturen und -positionen fortschreibt und es so Frauen schwermacht, sich zu behaupten.
Für dieses Argument spricht beispielsweise, dass Frauen in Deutschland im Durchschnitt noch immer für dieselbe Arbeit 23 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Eine ähnliche Statistik können wir in verschiedenen anderen europäischen Ländern auftun. Europaweit werden Frauen um 17 Prozent schlechter bezahlt als Männer. Leider ist Deutschland in diesem Zusammenhang also auch noch negativer Spitzenreiter: Bei uns werden Frauen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weit überdurchschnittlich unterdurchschnittlich bezahlt. Und während sich in vielen europäischen Ländern die Gehaltsschere in den neunziger Jahren wenigstens um einige Prozentpunkte geschlossen hat, ist sie in Deutschland sogar noch weiter auseinander gegangen.
Das ist Retro-Sciene-Fiction: Wir schreiben das Jahr 2009. In einer Gesellschaft, die zur Hälfte aus Frauen besteht, haben wir nicht mal ein Viertel der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Dafür verdienen die aber fast ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen.
Noch wilder wird es, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass empirische Forschungsergebnisse uns längst zeigen, wie wichtig Frauen in Führungspositionen sind. So lässt sich feststellen, dass heterogen geführte Teams erfolgreicher sind. Nicht allein im Sinne eines besseren Arbeitsklimas (Frauen haben ja diese sozialen und kommunikativen Kompetenzen, die immer sofort angeführt werden, wenn Mann Frauen loben und hervorheben möchte),. Erfolgreicher heisst: ökonomisch erfolgreicher. Die amerikanische Nonprofitagentur Catalyst hat in einer Untersuchung der 500 grössten Aktiengesellschaften der USA festgestellt, dass Firmen mit Frauen im Vorstand eine bis zu 53 Prozent höhere Eigenkapitalrendite erzielen als solche Firmen, die keine Frauen in ihrer Führungsetage aufweisen. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey hat herausgefunden: Firmen, die mindestens drei Frauen im Vorstand haben, können ihre Erträge nachweislich steigern.
Man muss schon blind und taub sein, um angesichts solcher Ergebnisse noch immer zu behaupten, die Situation in deutschen Führungsetagen sei gleichberechtigt oder es gäbe einen guten Grund dafür, dass sie eben nicht gleichberechtigt sei. Vorübergehend sprachlos wird man angesichts der Tatsache, dass wir bei diesen Zahlen über das Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends sprechen. Ich muss ganz offen gestehen: Frauen, die heute im Brustton der Überzeugung behaupten, sie lebten in einer vollständig durch Gleichberechtigung gekennzeichneten Gesellschaft, lösen bei mir nicht nur Kopfschütteln aus. Ich kann darüber gelegentlich auch wirklich wütend werden.
2. Die Frauenfrage und die Medien
Warum spielen diese Daten und Fakten, diese noch immer kritikwürdigen Zusammenhänge in unserer öffentlichen Diskussion, auch in den Medien, nur noch eine untergeordnete Rolle? Weil es gerade in den Medien so scheint, als hätten Frauen den Zustand der vollkommenen Gleichberechtigung längst erreicht. In Deutschland liegt der Anteil der Frauen im Journalismus bei 37 Prozent, in Österreich sogar bei mehr als 40 Prozent. Immer mehr Frauen steigen in den Beruf “Journalismus” ein – und dann steigen sie wieder aus, bevor sie auf die echten Entscheiderpositionen kommen.
Wie die jüngste repräsentative Journalistenstudie der Universität Hamburg zeigt, sind Journalistinnen in der Altersgruppe ab Mitte 30 wieder auf dem Rückzug. Offenkundig passen dann Familienmodelle und berufliche Karriere nicht mehr recht zusammen. Diese Erkenntnis wird konterkariert, dass wir im Fernsehen immer mehr Frauen sehen, die Sendungen moderieren und uns dabei als Rolemodels für die Gleichberechtigung der Frau im Journalismus ins Wohnzimmer gesendet werden. Natürlich ist das eine Form von Gleichberechtigung und es liegt mir absolut fern, die Moderatorinnen wichtiger Sendungen im deutschen Fernsehen, wie Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Anne Will als Sprechpuppen zu denunzieren. Sie sind es nicht, weil sie ihre Sendung redaktionell gestalten, ihre Moderation schreiben, ja oft sogar gleichzeitig in einer Managementfunktion das produzierende Unternehmen leiten. Dass wir die Vorurteile über eine Talkshow als „Sendung mit der Maus“, wie Sabine Christiansen sie sich immer wieder anhören musste, auch heute noch in veränderter Form in der Medienkritik finden, zeigt alleine eins: Die Betrachtung von „Vorzeigefrauen“ in den Medien löst Kritikerreflexe aus, die oft sehr viel stärker durch Geschlechtervorurteile geprägt sind als durch Kriterien einer professionellen Medienkritik.
Ich will aber auch hier wieder auf die Machtstrukturen in den Führungsetagen deutscher Medien hinaus. Die ARD hat inzwischen immerhin zwei Intendantinnen vorzuweisen, das hat lange genug gedauert. In den Entscheiderposten sind Frauen dennoch weiterhin vollständig unterrepräsentiert. Und wenn ich mich daran erinnere, dass ich vor wenigen Wochen auf dem Printgipfel der Münchner Medientage wieder als einzige Frau in einer Runde älterer Herren mitdiskutiert habe, dann zeigt das: es sind nicht nur die Fernsehanstalten, die hier noch immer ein Defizit haben.
Frauen können also einsteigen und ein bisschen aufsteigen, aber bitte nicht ganz. Und dann steigen sie oft wieder aus dem beruflichen Karriereweg aus, weil die private Lebensplanung seine Weiterverfolgung nicht zulässt. Das ist nicht nur individuell für jede Frau sehr schade, sondern hindert eben auch den Prozess der gesellschaftlichen Gleichberechtigung in einer wichtigen Branche, der Medienbranche, die Multiplikatoren- und Vorbildfunktion hat.
Und schliesslich hat es Konsequenzen, die zwei Forscherinnen der Warthon-School an der Universität Pennsylvania gerade in einer Studie umfänglich untersucht haben und unter dem Titel “The paradox of declining female happiness” veröffentlicht haben. Das Ergebnis: Seit 35 Jahren hat das Glücklichsein der Frauen kontinuierlich abgenommen. Das subjektive Gefühl, glücklich zu sein, hat sich von den Frauen weg hin zu den Männern verlagert. Das gilt unabhängig davon, ob beide Geschlechter sich insgesamt eher glücklicher, weniger glücklich oder gleich glücklich fühlen. Wie kann das bloss sein? Seit Jahren bemühen sich viele Menschen, Frauen wie Männer, in dieser Gesellschaft um mehr Gleichberechtigung. Seit Jahren diskutiert diese Gesellschaft Sinn und Zweck von Gleichberechtigung sowie ihre Notwendigkeit intensiv, sie macht dabei Fortschritte, auch wenn sie manchmal eher klein sind. Und bei alledem werden Frauen nicht glücklicher, sondern unglücklicher.
Ich glaube, das lässt sich durchaus erklären, wenn man Emanzipation nicht allein als Gleichberechtigungsprozess, sondern als Prozess der Selbstwahrnehmung, Selbstreflektion und eines sich verändernden Selbstverständnisses von Frauen, aber auch von Männern, begreift. Dann bedeutet der Gleichberechtigungsprozess der vergangenen Jahrzehnte nämlich auch, dass Frauen sich ihrer Rolle immer bewusster werden, ebenso wie der Rolle ihrer Lebensgefährten, Partner, Ehemänner. Und dann sind sie auch immer stärker in der Lage und willens, festzustellen, wie schwer feministische Ideale mit klassischen Familienbildern zu vereinbaren sind, wie oft sie Rückschläge im eigentlich gewünschten Emanzipationsprozess hinnehmen müssen, wie viele Abstriche das wirkliche Leben am eigenen Selbstverwirklichungsideal verlangt, ja, wie wenig Freiheit und Glück einander eigentlich bedingen.
Dieses Phänomen spielt natürlich auch all den Reaktionären in die Hände, die allemal glauben, Gleichberechtigung mache Frauen nicht glücklich, sondern unglücklich und Frauen seien ehe mit ihren Kindern zuhause am besten aufgehoben.
Vor diesem Hintergrund ist es dann auch fast ein bisschen tragisch, wie wenig Frauen selber wirklich aktiv und provokativ dazu beitragen, das Anliegen einer Gleichberechtigung der Geschlechter auf der politischen Agenda zu halten und wie viele gerade jüngere Frauen Emanzipation statt dessen zum grossen Spassprojekt der Moderne machen.
Grundsätzlich gilt natürlich: je mehr Frauen sich überhaupt bei diesem Thema engagieren, desto besser. Je grösser der Varianten- und Facettenreichtum in der öffentlichen Diskussion ist, desto anregender und anschlussfähiger ist die Diskussion für viele Menschen, über diese Fragen weiter nachzudenken und sie zu einem Lebensthema zu machen, das auch den eigenen Alltag und das eigene Handeln betrifft. Und natürlich haben sich auch die Themen der Frauenbewegung verändert.
Während wir – zumindest in Westdeutschland – in den 70-iger Jahren über sexuelle Selbstbestimmung, zum Beispiel über den Paragraphen 218 diskutiert und für ihn protestiert haben, während es in den Anfängen um konkrete Rechtsgleichsetzungen von Frauen und Männern ging, die erst einmal zu erreichen waren, so geht es heute um das konkrete Zusammenleben der Geschlechter, zum Beispiel in Familie und Beruf. Das allerdings ist nicht allein ein privates, sondern es bleibt ein politisches Thema. Die Autorin Maria Sveland hat das in ihrem Buch “Bitterfotze” sehr schön in dieser Frage formuliert: “Wie sollen wir jemals zu einer gleichberechtigten Gesellschaft kommen, wenn es uns nicht einmal gelingt, mit demjenigen gleichberechtigt zu leben, den wir lieben?”
Maria Sveland ist 1974 geboren. Sie gehört also zu den jüngeren Vertreterinnen des Feminismus und ist damit ein Hoffnungsschimmer dafür, dass es auch in dieser Generation noch politische Denkerinnen gibt. Wenn ich an die “Alpha-Mädchen” denke oder an die neuen Eroberungen eines Handlungsspielraumes namens “Feuchtgebiete”, dann frage ich mich gelegentlich schon, ob das eigentlich der Feminismus ist, den wir heute haben wollen, und ob das eigentlich das politische Denken ist, zudem junge Frauen heute fähig und entschlossen sind? Ich finde den weiblichen Orgasmus auch wichtig und möchte nicht auf ihn verzichten. Aber ich bin ziemlich sicher, dass er nicht automatisch in eine Führungsposition führt.
Natürlich gibt es den Feminismus auch nicht nur in westdeutscher Sicht, wie ich sie hier aus Mangel an eigener Erfahrung anwende. Frauen aus dem Osten Deutschlands haben sich über manche Frauenfragen im Westen kaputtgelacht. Man kann durchaus die Frage stellen, ob es in Sachen Gleichberechtigung nicht der Westen ist, der vom Osten eine Menge hätte lernen können. So zeigt zum Beispiel der „Sozialreport“ Anfang dieses Jahrtausends, dass 75 Prozent der befragten ostdeutschen Frauen der Auffassung sind, sie seien in der DDR den Männern gegenüber gleichgestellt gewesen. Nur 10 Prozent meinen, dass sie benachteiligt waren. Demgegenüber glaubten 72 Prozent, dass Frauen im vereinigten Deutschland gegenüber Männern benachteiligt seien; nur 18 Prozent waren überzeugt, gleichgestellt zu sein.
Und natürlich ist Feminismus auch nicht mehr allein Alice Schwarzer, auch wenn man gelegentlich in den Medien den Eindruck bekommen kann. Und natürlich mögen heute manche Fragestellungen, mit denen sich Alice Schwarzer weiterhin beschäftigt, für junge Frauen nicht vordringlich scheinen. Aber auch in diesem Zusammenhang finde ich: Ein wenig kontextuelle Einordnung und Reflexion wäre hier angemessen. Wer die vergangenen Jahrzehnte einmal Revue passieren lässt und dabei bedenkt, was Alice Schwarzer für die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland erreicht hat, der muss zu dem Ergebnis kommen: das war sehr, sehr viel. Und wer sich darüber hinaus einmal anschaut, was sie in diesem Zusammenhang hat ertragen müssen, der kommt weiterhin zu dem Ergebnis: das war eine sehr, sehr grosse Zumutung.
Wer in den 70-iger Jahren im Westen für den Feminismus an die Öffentlichkeit und auf die Strasse gegangen ist, hat sich im Establishment der Gesellschaft zur Persona non grata gemacht. Und so ist Alice Schwarzer auch behandelt worden. Die Berichterstattung über sie ist gelegentlich zur modernen Form der Hexenverbrennung geworden. Der Scheiterhaufen wird nicht mehr auf dem Marktplatz vorm Rathaus errichtet, sondern auf dem virtuellen Marktplatz der öffentlichen Meinung.
3. Mehr Selbstbewusstsein von Frauen für Frauen
Es bleibt ein dritter Aspekt, der uns Frauen den Weg Richtung Gleichberechtigung nicht leicht macht. Und das sind wir selbst. Frauen sind noch immer nicht bereit oder in der Lage, sich mit Volldampf auf die Chefetagen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zuzubewegen. Sie sind zuweilen nicht bereit, das für sich einzufordern, was Männer für das eigene Geschlecht als selbstverständlich betrachten. Sie sind noch immer nicht bereit, die gleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit zu verlangen.
Das sind keine losen Annahmen, die ich hier formuliere, sondern ebenfalls durch empirische Studien gestützte Erkenntnisse. Das Unternehmen Hewlett Packard hat zum Beispiel festgestellt, dass Frauen sich nur auf Stellenausschreibungen bewerben, wenn sie glauben, dem ausgeschriebenen Stellenprofil zu 100 Prozent zu entsprechen. Männern reichen auch 60 Prozent. Frauen tendieren dazu, ihre Leistungen eher klein zu reden. 70 Prozent der Frauen geben in einer Umfrage unter MBA-Studentinnen und Studenten in der Schweiz an, ihr Anteil an der Gruppenarbeit sei gleichwertig wie jener der anderen Kollegen. Bei den Männern glauben 70 Prozent, sie hätten mehr geleistet als die anderen. Wenn wir also einen Aufruf wie den des CEO von Siemens, Peter Löscher, hören, die Welt müsse weiblicher werden, dann ist damit ganz sicher nicht gemeint, dass wir alle jetzt beginnen sollen, diese Selbstunterschätzung der Frauen in unserer Gesellschaft um- und durchzusetzen. Vielmehr braucht unsere Gesellschaft die Diversität im Denken und Handeln, die Frauen einbringen. Dabei dürfen sie selbstbewusster sein, denn sie leisten viel, sind hervorragend ausgebildet, oft sogar besser als Männer.
Vor dem Hintergrund dieser drei Aspekte – immer noch zu wenig Frauen an Führungspositionen in wichtigen, gesellschaftlichen Bereichen, eine zuweilen falsch geführte öffentliche und mediale Diskussion über den Feminismus und die Gleichberechtigung von Frauen sowie die Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen von Frauen – ist es erstaunlich, dass viele Frauen auf die Frage nach ihrer eigenen Situation eine positive Antwort geben. Gerade jüngere Frauen beschreiben ihre Lebenssituation oft als gleichberechtigt, als angemessen und unproblematisch. Es mag sein, dass diese Wahrnehmung einfach stimmt. Dann ist vieles von dem, was ich hier gesagt habe, einfach falsch und dann nehme ich das auch gerne zur Kenntnis. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube, aus eigener Erfahrung, aber auch aus intensiven Gesprächen mit Frauen, die irgendwann aus ihrer Selbstrepräsentationsrolle heraus fallen und in eine wahre, offene Diskussion übergehen, dass es anders aussieht. Ich glaube, dass viele Frauen sich sehr bewusst sind, wie weit der Weg bis zur echten Gleichberechtigung unserer Gesellschaft noch immer ist, wie viel Arbeit, wie viel Kampf und wie viel Unbehagen auf der Strecke auf sie wartet.
Ich will diese Feststellung daher auch gar nicht als Vorwurf formulieren, sondern wieder versuchen, herauszufinden, woran das liegt. Und ich glaube, auch diese Erscheinungsform von Selbstverleugnung der Defizite in der eigenen Gleichberechtigung hat eine Ursache. Leon Festinger hat sie uns theoretisch mit seinem Ansatz der kognitiven Dissonanz erklärt. Danach empfinden Menschen dissonante Wahrnehmungen als unangenehm. Sie lösen Spannungszustände und Druck aus. Daher neigen Menschen in solchen Situationen zu selektiver Wahrnehmung: Sie nehmen eher die Informationen zur Kenntnis, die den Druck reduzieren, und meiden solche Informationen, die den Druck weiter erhöhen.
Im Marketing können wir das am Beispiel von Autokauf-Situationen verdeutlichen. Wenn man ein Auto gekauft hat, verschmäht man alle weiteren Prospekte und Informationen über alternative Modelle, um ja nicht in die Situation zu geraten, die eigene Entscheidung neu reflektieren oder gar in Frage stellen zu müssen. Der Mensch neigt also dazu, kognitive Dissonanzen, die er nicht aushalten kann, einfach wegzudenken und wegzureden. Wenn das beim Autokauf schon so ist, wie stark muss dieses Moment bei einer der wichtigsten und weitreichendsten Lebenssituationen des Menschen gelten – der Gleichberechtigung?
Will eine Frau wirklich zugeben, dass sie immer noch nicht gleichberechtigt mit ihrem Partner lebt? Will sie zur Kenntnis nehmen, dass sie selbst als Teil der weiblichen Hälfte unserer Gesellschaft nur im niedrigen Prozentbereich durch Führungsfrauen repräsentiert wird? Will sie akzeptieren, dass sie etwa ein Viertel weniger verdient für die gleiche Arbeit, die Männer machen? Ich finde es eine grosse und schwierige Zumutung, diese Fakten vor sich selber einzugestehen. Noch schwieriger wird es in der öffentlichen Diskussion.
Ich erinnere mich an viele Situationen, zum Beispiel in meiner Zeit als Staatssekretärin in der Düsseldorfer Landesregierung, als die Begrüßungsfomel lautete: „Sehr geehrte Frau Meckel, meine sehr geehrten Herren.“ Was habe ich da gemacht? Ich habe gelächelt, gute Miene zur schlechten Situation gemacht. Die Situation als junge Frau allein unter Männern war manchmal schon unangenehm genug. Es braucht enorme Kraft, das auch noch zum Thema zu machen. Stellen Sie sich vor, ich wäre am Tisch aufgestanden und hätte gesagt: „Meine Herren, wir sind mit der Gleichberichtigung wirklich noch nicht weit gekommen. Guten Appetit!“ Man kann eine solche Situation natürlich auch aus dem Alleinstellungsmerkmal in einen Vorteil verwandeln. Aber das Alleinstellungsmerkmal zeigt, dass eben keine Gleichheit herrscht.
Ich kann deshalb verstehen, dass Frauen zurückhaltend sind und andere Wege suchen, das Thema Feminismus und Gleichberechtigung umzusetzen. Politisch werden wir damit allerdings irgendwann in eine Zeitschleife hineingeraten, die immer nur das reproduziert, was wir schon erreicht haben, aber keine neuen Akzente mehr setzt. Ich glaube, es muss und es kann Einiges geschehen, um Frauen den Weg zu echter, vollendeter Gleichberechtigung zu eröffnen.
Dafür müssen Frauen mutiger werden. Sie müssen NEIN sagen lernen und lernen, Forderungen zu stellen. Dazu müssen Frauen konsequenter werden und den Finger in die Wunde legen. Ich erlebe immer wieder Situationen – auch solche, zu denen ich selber eingeladen oder aufgefordert werde - wo ich als Frau Moderatorin spielen soll in einer reinen Männerrunde. Und ich finde immer wieder Beispiele, bei denen auch Kolleginnen die gleiche Problematik erleben (zum Beispiel Tissy Bruns bei den Schönhauser Gesprächen des Bankenverbands). Solche Anfragen lehne ich ab. Ich sitze gerne als einzige Frau auf dem Podium, wenn es denn sein muss, weil ich dort inhaltliche Positionen vertreten kann, aber ich lasse mich nicht mehr als Frau auf die Vermittlerrolle reduzieren, während die inhaltlichen Positionen von Männern vertreten werden.
Frauen müssen sich besser und stärker vernetzen. Das tun Männer sehr konsequent, viel konsequenter als Frauen, aber Frauen können es auch. Und hierbei spielen die neuen, sozialen Medien eine wesentliche Rolle. Ich bin in verschiedenen Frauennetzwerken aktiv, die sich zum Teil international zusammensetzen und über Facebook eine Möglichkeit der regelmässigen Information und Kommunikation, des Austauschs von wichtigen Ideen und Dokumenten ermöglichen. Man muss nicht jede Nacht bis zwei Uhr Uhr in einer verrauchten Kneipe sitzen und sich betrinken, um das Networking zu betreiben, was uns in Politik und zuweilen auch in Wirtschaft von Männern vorgelebt wird. Wir können das anders machen und dafür gibt es die Instrumente, die wir nutzen können. Aber wir müssen uns vernetzen. Wir müssen lernen, einander noch stärker zu unterstützen. Wir müssen auch lernen, den “Zicken-Faktor” aus unserem Verhalten möglichst weitgehend auszublenden. Wenn Frauen Frauen nicht unterstützen, wie sollen sie dann von Männern verlangen, dies zu tun?
Und ein letzter Aspekt: wir müssen auch etwas kreativer werden, unser eigenes Anliegen in ansprechender Form zu kommunizieren und für weite Bereiche der Gesellschaft anschlussfähig zu machen. Das heißt eben nicht, die Frauenfrage leicht zu nehmen und als Spaßfaktor zu kommunizieren. Aber es heißt schon, neue kreative Wege zu finden, auf die immer noch bestehenden Ungleichheiten hinzuweisen. Wenn ich mir beispielsweise die alljährliche Verleihung der “Sauren Gurke” anschaue, dann finde ich es grundsätzlich eine gute Idee, auch medial auf die Frage der Gleichberechtigung und ihrer Vermittlung zu achten und diesen Umgang öffentlich zu thematisieren. Ob das aber über das vermeintlich schlimmste Negativbeispiel sein muss, weiss ich nicht. Möglicherweise sind positive Vorbilder anschlussfähiger und werden freundlicher aufgenommen und wahrgenommen. Die “Saure Gurke” bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung meiner Beobachtung nach immer eher als „Spaßverderberaktion“ an den Frauen selber hängen, als dass sie denjenigen trifft, der sie entgegennehmen muss.
Es ist mehr als dreißig Jahre her, dass die amerikanische Wissenschaftlerin Gaye Tuchman einen international viel beachteten Aufsatz über „the symbolic annihilation of women by the mass media“ schrieb, über die „symbolische Verleugnung“ von Frauen in den Medien. Missachtung, Trivialisierung und Ausgrenzung, so die Soziologin, prägten den Umgang mit Frauen in der Öffentlichkeit. „From children’s shows to commercials to prime-time adventures and situation comedies, television proclaims that women don’t count for much.”
Das ist heute anders. Und damit ist viel erreicht. Frauen zählen in den Medien und sie zählen in unserer Gesellschaft. Aber sie sind noch immer in der Unterzahl, wenn es um Führungs- und Entscheidungspositionen geht. Um das zu ändern, brauchen wir einen zeitgemäßen Genderdiskurs, der die aktuellen Fragen der Gleichberechtigung mit aktuellen Themen und Stilmitteln der öffentlichen Diskussion verbindet. Wir brauchen mehr rolemodels für junge Mädchen, die als nächste Generation vielleicht noch selbstverständlicher ihren Anteil an gesellschaftlicher Entscheidung und Macht einfordern. Vor allem aber brauchen wir Frauen, die diesen öffentlichen Diskurs hartnäckig und dabei nicht humorlos vorantreiben.
Die größte Gefahr ist heute nicht mehr die symbolische Verleugnung der Frauen durch die Medien. Die größte Gefahr liegt in der symbolischen Selbstverleugnung ihrer Situation durch die Frauen selbst. Daran können vor allem Medienfrauen, Journalistinnen und Publizistinnen etwas ändern, indem sie Akzente in der Diskussion setzen.
In diesem Sinne bedanke ich mich sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!